Konfusion
„Ich bin eher zufällig beim Surfen im Internet auf 2–3 Straßen gestoßen. Die Aussicht, hier mit mehreren Kreativen vernetzt zu sein, die mediale Aufmerksamkeit, das waren gute Gründe an dem Projekt teilzunehmen. Klar, auch das Label ‚mietfreies Wohnen’ war für mich sehr attraktiv.“ Dafür mussten die Künstler regelmäßig Texte für ein gemeinsames Buch verfassen. Im Vorfeld hieß es, dass ein intensiver Austausch mit den Kandidaten stattgefunden hätte. Doch schnell zeichnete sich ab: Es sollte nicht nur um das Schreiben gehen, sondern darum, mehr zu machen. Stichwort: Veränderung der Straßen.
Doch niemand kommunizierte den Teilnehmern, wie eine Straße künstlerisch verändert werden kann. Auch die anfänglichen Gruppentreffen mit Jochen Gerz halfen da wenig. „Die waren nicht sonderlich angenehm“, erinnert sich Oliver. „Gerz hat sich nicht wohl gefühlt in der Dozentenrolle vor 20 Leuten. Alle haben gefragt ‚was sollen wir denn hier machen?’, worauf er ‚Keine Ahnung, macht doch was ihr wollt’ entgegnete. Tja, so lief das ungefähr ab.“
Differenzen
In Mülheim ging es soweit, dass es schon am Anfang des Projektes zu einem einwöchigen Schreibstreik kam. Alle Teilnehmer nahmen daran teil, sie protestierten damit gegen die schlechte Kommunikationssituation. „Es gab einfach noch viele offene Fragen nach den Treffen mit Jochen Gerz, der sichtlich überfordert damit war, der Gruppe zu erklären, was das denn hier sein soll. Wir dachten: Er ist doch der Chef, er muss das Ganze doch mal konkretisieren können.“ In Mülheim war die Kritik besonders stark. Der Grund dafür, dass sich viele Künstler mit Gerz verkrachten, ist für Oliver offensichtlich: „Da ging es um Egos. Gerz hat ein starkes Ego und die Leute, die hier mitmachen, auch. Dazu kam eine Art Konsenszwang, obwohl jeder seine eigenen Ideen hat, was 2–3 Straßen ist.“Verschiedene Künstler sprachen von Selektion: Die Projektleitung differenziere ihres Erachtens in „gute“ und „böse“ Teilnehmer. Die guten bekämen beispielsweise bevorzugt Pressetermine. „Aus Sicht der Leute, die sich ‚die Kritiker’ nennen, gehöre ich wohl zu den Edelteilnehmern.“ Oliver grinst und fügt an: „Also ich habe immer nach Presse gefragt, ich wollte das ja, habe immer gehofft, ich dreh es so, dass sie über mein Album und nicht über das Projekt berichten.“ Aber auch dem Musiker ist aufgefallen, dass es Dinge gab, die nicht korrekt abliefen. „Es gab ein Treffen, da wurde man per Mail eingeladen, so Mitte des Jahres, wo es um weitere Projekte ging. Nur die Hälfte der Künstler war eingeladen, der Rest wurde nicht mal informiert.“
Eigeninitiative
Dass ein derart anspruchvolles Projekt, an dem mit den Mitarbeitern über hundert Leute beteiligt waren, nicht ohne Streitigkeiten abläuft, ist keine Überraschung. „Ich habe für mich beschlossen, dass über die Projektebene anscheinend nicht viel geändert wird. Aber mir war es zu anstrengend, ein Jahr wütend zu sein. Es ist sowieso immer eine Frage der Perspektive. Willst du etwas negativ auslegen, schaffst du es auch.“ Vielleicht hätte aber auch die Projektleitung anders arbeiten sollen, wie beim Casting der Teilnehmer.
Oliver vermisste die wirklichen Multiplikatoren, denn „ich bin auch ein bisschen Trittbrettfahrer, mit dem was ich mache. Ich habe im ersten halben Jahr hier sehr viel gemacht, dann weniger. Ich habe z. B. diese amerikanische Songwriter-Tradition aufgenommen; One Song A Day. Ich wandelte sie ab und spielte ein Lied pro Tag in den Hausfluren oder um das Haus herum.“ Die „alten“ Mieter waren von 2–3 Straßen zum „Maß der Veränderung“ ausgerufen. Schließlich waren es die kleinen Dinge, die wirkten. „Es gab einen Kaffeeklatsch, den wir auf den Fluren zwischen den Aufzügen veranstalteten. Das war eine gute Plattform, um in Kontakt zu treten mit den ‚alten’ Mietern. Treffen in Aufzügen oder in der Sauna, die wir im Haus haben, in denen man die Leute anspricht, ganz banale Dinge.“
Kunst?
2–3 Straßen war ein Kunstprojekt. Doch wo ist eigentlich die Kunst, wenn Nachbarn miteinander Kaffee trinken, sich im Aufzug unterhalten? Klingt nach guter Nachbarschaft, nicht nach hoher Kunst. „Das hat natürlich viel mit dem Namen Gerz zu tun“, erklärt Oliver. „Der ist seit 50 Jahren im Geschäft, wenn er etwas macht und das Kunst nennt, ist es eben Kunst, darüber herrscht allgemeiner Konsens.“ Als ein Kunstverein aus Dortmund zu Besuch in Mülheim war, kam die Frage auf, was denn jetzt hier Kunst sei. Doch, so Hasse, „damit ist dann schon die Konstruktion geschaffen. Ich kann zurückfragen: ‚Warum seid ihr denn jetzt hier? Weil euch jemand gesagt hat, dass dies hier Kunst ist’.“
Initiator Gerz glaube, dass sich die Gesellschaft in Richtung Kultur auflöse. Die Zeiten einer kulturellen Avantgarde seien vorbei, da die Gesellschaft selbst sich „in Kultur hinein bewegt“. „Wenn sie das Geld hätte, dann könnte sie das tun“, erheitert sich Oliver. „Ich kann nur für die Musikszene sprechen, aber da gibt es ganz klar eine Avantgarde. Die Masse kann sich da gar nicht hinbewegen, weil es schon der Spitze schwer fällt, immer mit etwas Neuem zu kommen. Ich hätte gedacht, bei ‚der Kunst’ sei es ähnlich.“
Veränderungen
Als Paradebeispiel für den Erfolg von 2–3 Straßen wird oft Beate Gottwald genannt. Die Besitzerin eines Friseurstudios hatte schon vor dem Projekt die Idee, daraus einen Kultursaloon zu machen. Das hat sie nun getan. Den letzten Anstoß für die „alte“ Mieterin in der Mülheimer Vertikalstraße gab es durch das Projekt. Nächstes Jahr will Hasse dort ein Konzert geben. Der Musiker ergänzt: „Aber auch im Alltag hat sich etwas getan, das ist von außen nur schwer sichtbar. ‚Alte’ Mieter sind kommunikativer geworden, die Begegnungen im Hausflur gehen nun über ein ‚Hallo’ hinaus.“ Doch ist das ein Erfolg von 2–3 Straßen? „Wenn es ein sozialpädagogisches Projekt wäre, ja, aber es will Kunst sein. Ich denke der Unterschied ist, dass sich hier Freundschaften gebildet haben, aber eben nicht gezielt wie bei einem Sozialarbeiter, der hier hin kommt und sagt: ‚So, ich bin jetzt erst mal für fünf Leute hier der beste Freund’.“
Ein Jahr wurde also versucht, kulturell auf ehemalige – so genannte – Problemviertel einzuwirken. Was hat 2–3 Straßen bewirkt? Sind vormalige Kulturbanausen nun ausgestattet mit Theaterabos? Wurde im Abendprogramm von RTL II auf Arte gewechselt? „Ich denke, dass wir bei manchen den Blickwinkel ändern konnten. Vielleicht nehmen sie manche Dinge jetzt anders wahr, nachdem sie sich ein Jahr mit uns Kunstfatzken auseinander setzen mussten. Der wichtigste Verdienst des Projekts ist vielleicht: Es hat gezeigt, dass ich ein Hochhaus auch anders nutzen kann, das es nicht nur eine menschliche Legebatterie sein muss.“

