Am Samstag bebte die Jahrhunderthalle wie zu ihren besten Zeiten – die Slam Poeten waren angetreten, dem Publikum verbal zu begegnen. Die acht besten Einzelslammer lieferten sich ein heißes, pointenreiches „Battle“. Es war alles geboten, von politisch kritischen Texten bis hin zu echter Dichtkunst wie beispielsweise bei Pierre Jarawan oder lakonisch-zynischen Texten wie beim späteren Gewinner der 14. Deutschsprachigen-Poetry-Slam-Meisterschaften, Patrick Salmen. Der punktete mit seinem „Rostrotkupferbraunfastbronze“-Text, in dem er in einer höchst bärbeißigen wie grobschlächtigen Art und Weise die Vorteile eines Bartträgers beleuchtete.
Zweiter wurde Daniel Wagner der in einem irren Sprechtempo Reimsalve um Salve abfeuerte und sich von den drei Finalisten als etwas „klassischerer“ Poet mit wechselnden Paar- wie Kreuzreimen abgrenzte.
Dritter wurde Jasper Diedrichsen. Seine Vorstellung von Poetry Slam kommt dem politischen Kabarett am nächsten, ist gesellschaftskritisch mit dem nötigen Schuss Polemik. Auch wenn er den ersten Platz verpasste, war er der erfolgreichste Slammer an diesem Abend, denn er gewann mit seinem Partner Moritz Neumeier als „Team und Struppi“ die Teammeisterschaft im Poetry Slam. Die beiden überzeugten nicht nur mit starken Texten, sondern auch mit einer perfekt abgestimmten Choreographie sowie schauspielerischem Talent. Ihre Texte waren, wie schon die von Diedrichsen zuvor im Einzel, aufklärerisch-aufrüttelnd, Parodien auf die Bourgeoisie. Sie haben es geschafft, die Lyrik als Grundlage zu nehmen und darauf einen kabarettistischen Text zu schreiben um diesen dann in einer einmaligen Bühnenshow vorzutragen.
Die Stimmung in der Jahrhunderthalle selbst sprach schon Bände: Nach jedem der Beiträge, die auf fünf Minuten begrenzt waren, gab es stehende Ovationen. Nach den Finalbeiträgen der drei Teilnehmer im Einzel und den Finalbeiträgen der zwei Teams hielt es kaum noch jemanden auf den Sitzen. Die beiden Moderatoren Sebastian23, 2008 selbst noch Preisträger bei den Deutschen Meisterschaften in Zürich, und Jonas Jahn führten zwanglos und léger durch den Abend und wussten wie sie das Publikum noch zusätzlich anheizen konnten.
Die Zweitplatzierten im Teamfinale, das „Team Totale Zerstörung“, hätte wohl an jedem Abend gewinnen können, außer an diesem. So waren ihre Texte auch virtuos und amüsant, doch hatten sie nicht dieselbe gesellschaftskritische Anprangerung. Zwar war das Endergebnis denkbar knapp, doch vielleicht haben einfach diejenigen gewonnen, die am ehesten, in der Tradition vieler berühmter Vorgänger, Kunst mit Gesellschaftskritik verbanden.
Nicht unerwähnt sollen hier auch die Nachwuchspoeten bleiben, bei denen Laurin Buser aus der Schweiz gewinnen konnte. Hinter ihm landeten Josefine Berkholz und Rasmus Blohm. Interessant zu beobachten war, dass bei den Junioren die kritischen Texte überwogen, wo hingegen bei den Senioren der Witz eher im Vordergrund stand. Auch blieben die Junioren stärker auf der klassischen Lyrik-Linie: Die meisten ihrer Texte waren in Reimform geschrieben.
Komplett ansehen, natürlich ohne Werbung und in bester Bild- und Tonqualität, kann man sich den kompletten Abend noch mal bei arte.tv, wo die Meisterschaft als Livestream gesendet wurde. Was zuerst positiv anmutet, die Berichterstattung, kann ein, näher betrachtet, zur Verzweiflung bringen. Wird sich doch immer über die unpolitische, nicht engagierte Jugend beschwert und groß berichtet, so gab es wenig Berichterstattung über eine Subkultur innerhalb der jüngeren Generation, die politisch ist und sich engagiert. Auch das Publikum war voll mit jungen Leuten, die anscheinend nicht mit Mario Barth- oder Atze Schröder-Humor zufrieden sind, sondern die Humor wollen, über den man auch nachdenken kann, der einen zum Nachdenken anregt. Schade, dass die GEZ-Sammler ihren Kultur- und Bildungsauftrag so verschlafen, denn bei ARD und ZDF lief an diesem Samstag „Hansi Hinterseer“ bzw. „Bella Block“. Ich will diese Sendungen gar nicht kritisieren, aber wenn wir sehen, wie die Bambi-Verleihung zu Prime Time übertragen wird, auf öffentlich-rechtlichen Sendern, wo eine Hannelore Elsner zum hundertsten Mal über den roten Teppich latscht, und dass das dann als abgearbeiteter Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens angesehen wird, wo zugleich den jungen, aufstrebenden, kommenden Künstler kein solches Forum geben wird, ja dann hat Deutschland seinen Status als Kulturnation und als Land der Dichter und Denker wirklich verloren. Denn die Poetry Slammer sind nun mal, ob einem das gefällt oder nicht, die Dichter und Denker Deutschlands des 21. Jahrhunderts. Abgeschoben auf einen Streamingplatz im Internet. Traurig.