Unterwegs in der Emscher-Lippe-Region Teil IV

Down by the Rivers

Emscher, Lippe und die ganzen Kanäle (Rhein-Herne, Dortmund-Ems, Datteln-Hamm, Wesel-Datteln) kennt man ja – zumindest dem Namen nach. Aber die Seseke? Oder den Deininghauser Bach? Wie, nie gehört? Dann nix wie hin! Die coolibri-Picknick-Expedition erforschte unbekannte Feuchtgebiete und stieß auf einen schwimmenden Hund, viel Flusskunst, Kanalspringer, grüne Flusswälder und -auen, eine Kuratorin, eine Künstlerin und mythischen Kokolores.

Zurück zur Natur

Doch der Reihe nach. Bei strahlendem Fronleichnams-Sonnenschein geht’s mit dem Liebsten und dem liebsten Hund auf gen Osten, dem neuen Picknickabenteuer entgegen. Die Seseke ist unser Ziel, die in der Nähe von Unna entspringt und – vorbei an Bönen, Kamen und Bergkamen – knapp 32 Kilometer weiter und mit dem Wasser zahlreicher kleiner Nebenbäche aufgefüllt bei Lünen in die Lippe mündet. Einst war die Seseke ein ganz normales Flüsschen, das friedlich vor sich hin mäanderte, doch Industrialisierung und Bergbau machten ihr einen Strich durch die Rechnung: Sie wurde gnadenlos begradigt und zur offenen Köttelbecke degradiert.
Mit dem Ende des Bergbaus eröffnete sich die Möglichkeit, Abwässer unterirdisch fließen zu lassen. In den 1980er Jahren wurde beschlossen, die Seseke zu renaturieren – ein Riesenprojekt, das sich über mehr als 20 Jahre hinzieht und rund 500 Millionen Euro verschlingt. Was ist so zeitaufwändig und teuer an Renaturierung? Nun, nach und nach verschwinden die Abwässer in unterirdischen Kanälen, die parallel zu den Gewässern verlegt werden. Neue Kläranlagen werden gebaut, die bereits vorhandene erweitert. Das Betonbett wird entfernt, die Böschungen müssen neu angelegt werden. Außerdem entsteht hier ein neues Erholungsgebiet, das man übrigens am besten per Fahrrad erkundet. Ziel des ganzen Aufwands: eine Seseke, die friedlich vor sich hin mäandert und erlebbar ist …

Die perfekte Linie

Wo, wenn nicht hier, schreit die Situation förmlich danach, das Kulturhauptstadt-Motto „Wandel durch Kultur“ in die Tat umzusetzen? Die Stadt Kamen hatte die rühmenswerte Idee, den Umbau der Seseke mit Kunst zu verknüpfen und das Ergebnis 2010 vorzustellen. Der Lippeverband griff die Idee gerne auf und beauftragte Billie Erlenkamp mit der künstlerischen Planung. Die engagierte Kuratorin trommelte zwölf Künstler bzw. Künstlergruppen zusammen, die an ebenso vielen Kunstorten entlang der Seseke unter dem Namen ÜBER WASSER GEHEN seit Mitte Juni ihre Arbeiten präsentieren.
Wir lassen uns auf der Böschung gegenüber der „Line of Beauty“ von Susanne Lorenz nieder, essen Nudelsalat aus der Tupperdose und passen auf, dass der Hund nicht wegläuft. Der hat Besseres zu tun und stürzt sich – völlig entgegen seiner Gewohnheit – in die Fluten der Seseke und schwimmt eine Runde. Wenn das nicht gelebte Renaturierung ist! Frau Erlenkamp erklärt uns die Kunst von Frau Lorenz: Die Berliner Künstlerin nimmt Bezug auf den englischen Landschaftsmaler William Hogarth, der seinerzeit eine „Line of Beauty“ als Inbegriff natürlicher Schönheit definierte. Die Arbeit in der Seseke zeichnet haargenau den historischen, „schönen“ Verlauf des Flusses an dieser Stelle nach. Wie die meisten der teilnehmenden Künstler greift sie direkt das Thema Renaturierung auf. Mit einem natürlichen Entwicklungsprozess hat Renaturierung zunächst nichts zu tun, im Gegenteil, die Landschaft wird durch Bagger komplett neu gestaltet, hat also einen eigenen, im weiteren Sinne skulpturalen Charakter. Gebaut wird quasi eine Nachbildung dessen, was als Natur erachtet wird.

Insel-Träume

Ein paar Meter weiter flussaufwärts haut Thomas Stricker in dieselbe Kerbe. Ins so genannte Sesekeknie (eine breite große Flusskurve) pflanzt er eine künstliche Insel mit exotischen Sumpfzypressen, womit er auf die Neugestaltung des Flusses noch mal einen draufsetzt. Jetzt, kurz nach Fertigstellung, wirkt die Insel noch künstlich, aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis man nicht mehr sieht, ob die Insel „echt“ oder „unecht“ ist.
Mittlerweile hat der Hund sein Bad beendet, schüttelt sich auf der Picknickdecke das Fell trocken, schnorrt ein Stück Fleischwurst und will weiter. Wir fahren Richtung Westen, vorbei an einer Arbeit von Diemut Schilling, die mit „Hogarth’s Dream“ ebenfalls Bezug auf dessen Ideallinie nimmt, und Jeroen Doorenweerds „Permakultureller Seseke“ an der Lippemündung. Den östlichen Teil der Über-Wasser-Gehen-Route sparen wir uns für einen weiteren Trip auf. Jetzt wollen wir unter Leute! Mehr als genug davon finden wir am Horstmarer See in Lünen, ein Strandbad mit dezenter Ballermann-Atmo. Hier gibt’s todesmutige Kanalspringer, muskelbepackte Jungbullen, kichernde Teenies, freundliche Familien, Sonnenbrände, die Hautärzte zum Weinen bringen würden, Pommes und Eis und reich gefüllte Picknickdecken ohne Ende.

Der Turmbau zu Castrop

Ein paar Tage später fahren wir – selbes Wetter, selbe Truppe – ins schöne Castrop-Rauxel. Die Mixtur aus Kunst, Wasser und Picknick hat sich bewährt, und so beginnen wir auch heute mit einem Ausflug in die Welt der (Industrie-)Kultur. Der Hammerkopfturm der ehemaligen Zeche Erin ist einer von fünf überhaupt noch in Europa erhaltenen. Diesen Umstand hat Dorothee Schäfer, Teilnehmerin der Gruppenausstellung „Rapunzel“, die noch bis Ende Juli läuft, zum Thema ihrer Arbeit gemacht. Um den Turm herum stehen „Modelle“ der anderen vier noch existierenden Hammerkopftürme, ein jeder etwas anders geformt, der grundsätzliche, technische Aufbau ähnelt sich jedoch. Das Material, das die Bochumer Künstlerin dazu verwendet, ist im Gegensatz zu den Originalen leicht, luftig und rosa: Styropor.
Drinnen befindet sich eine weitere Arbeit von Dorothee Schäfer, die direkt Bezug auf die Geschichte des Gebäudes nimmt: An einem alten Spind hängt ein Kopfhörer. Setzt man ihn auf, hört man ein trockenes, röchelndes Husten, das sich nicht gesund anhört. „Eine Reminiszenz an die Bergleute, die unter der Berufskrankheit Silikose litten. Sie ist erst in den 80er Jahren anerkannt worden. Die offizielle Nummer der Krankheit ist 4101, daher kommt der Name der Arbeit“, erklärt die Bildhauerin.
Auch die anderen sieben Teilnehmer beschäftigen sich in ihren Arbeiten mit dem Turm, seiner Geschichte und den Menschen, die dort gearbeitet haben. Man sieht Installationen, Skulpturen, Gemälde und Fotos, man hört eine Klanginstallation von Christof Schläger – vorausgesetzt, man traut sich bis ins Oberstübchen des Turmes, erreichbar über eine steile, offene Treppe. Nix für Höhenängstliche!

Mein Freund, der Baum

Mit zitternden Knien, froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, verlassen wir den Turm und wenden uns dem Drumherum zu. Dort stehen, um einen kreisförmigen Weg angeordnet, viele verschiedene Baumarten und ein paar Schilder, die darauf hinweisen, dass wir uns in einem keltischen Baumkreis befinden, der zur Erinnerung an den irischen Gründer der Zeche Erin angelegt wurde. Es handele sich um den mythischen Baumkalender der Kelten, wobei jeder Baum für die Charaktereigenschaften des unter seinem Zeichen geborenen Menschen stehe.
Wer jetzt an Horoskope auf Zuckerstückchenverpackungen denkt, liegt richtig. Um es vorweg zu nehmen: Recherchen am heimischen Computer haben ergeben, dass das alles völliger Tullux ist, erfunden in den 70er Jahren für eine Frauenzeitschrift, gierig von esoterischen Zeitgenossen aufgesogen und weiterverbreitet. Im Netz sind mehrere Seiten zu finden, die Kapital aus diesem Unfug schlagen, etwa durch den Verkauf von Lebensbaum-Urkunden, empfohlen als Geschenk zur Geburt oder Hochzeit. Gottseidank wissen wir das noch nicht und nutzen die Bäume als das, was sie sind: ideale Schattenspender. Wir lassen es uns auf der karierten Decke Mitgebrachtes schmecken und bekommen prompt Lust auf ein Eis. Praktischerweise ist direkt gegenüber der urige „Kiosk am Luftschacht“, schnell rüber, doch verdammt, über Mittag geschlossen.

Natur pur

In direkter Nähe nimmt der Deininghauser Bach seinen Lauf, idealer Startplatz für eine Fahrradtour. Munter geht es voran, unter der A 42 her, im Schatten des weithin sichtbaren Kraftwerks Knepper, durch ein vorstädtisches Wohngebiet mit viel Klinker und Schiefer, weiter zur Nierholzstraße, wo der Bach besonders gelungen, also wild renaturiert ist. Sprich man sieht ihn vom Weg aus gar nicht, kommt nur mit festem Schuhwerk an sein Ufer, wird jedoch belohnt mit einer verwunschenen, lauschigen Bachlandschaft, ein wiedergewonnenes Eldorado für Bachflohkrebse, Stichlinge, Köcherfliegen & Co. Und horch: Man hört es leise plätschern!

Infos:

www.ueberwassergehen.de;
(hier unbedingt die unzähligen Hinweise auf weitere Sehenswürdigkeiten in der Gegend beachten!)

www.hammerkopfturm.de
(vom 4.–11.7. ist Castrop-Rauxel Local Hero, der Turm ist dann täglich von 16 bis 22 Uhr geöffnet)

Text: cc

Collage: Stefan Mels; Montage Sticker-Insel: Thomas Stricker

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