Canal grande
Wie ein 45 Kilometer langes blaues Band verläuft der Rhein-Herne-Kanal quer durchs Ruhrgebiet. Über weite Strecken steht er unserer hassgeliebten Emscher als treuer Begleiter zur Seite. Könnte der Kanal sprechen, er würde uns viele Geschichten aus fast 100 Jahren Vergangenheit erzählen, von Kähnen und Kapitänen, von Schleusen und Schleppern, von Häfen und Havarien, Anglerlatein inklusive. coolibri stoppte auf der Suche nach dem perfekten Picknickplatz bei Kilometer 42 am Emscher-Düker in Castrop-Rauxel und bei Kilometer 12 im Oberhausener Klärpark Läppkes Mühlenbach.
Kunst am Bau
Laut und staubig ist’s auf der Baustelle. Bagger baggern, schwere LKWs donnern übers Gelände, Bauarbeiter wuseln umher. In einer gigantischen Grube, die über 85 Meter lang und zwölf Meter tief ist, entsteht ein riesiges Bauwerk, das direkt nach Fertigstellung (voraussichtlich im Herbst) den Rest seines Lebens unter Wasser verbringen wird. Wie das? Ralf Bruns, Leiter des Baubüros, weiß ganz genau, was die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes hier tut und warum: Der vollkommen marode Emscher-Düker, also die „Kreuzung“ zwischen Kanal und Fluss, hat erheblichen Renovierungsstau. Zudem wird der Rhein-Herne-Kanal auf gesamter Länge Stück für Stück verbreitert, damit er den Ausmaßen moderner Schiffe gewachsen ist. Das geht natürlich nicht von jetzt auf gleich, und den Schiffsverkehr kann man auch nicht mal eben für vier Jahre umleiten. So lange dauert nämlich die Baumaßnahme insgesamt. Also haben sich findige Bau-Ingenieure überlegt, die Baustelle in ein gigantisches Trockendock 200 Meter nördlich des alten Dükers auszulagern. Dort wird aus Unmengen von Stahl und Beton das neue Durchlassbauwerk errichtet. Wenn es fertig ist, wird die Baugrube geflutet und das Bauwerk „schwimmend“ in den Kanal gezogen, wo es seine Endposition einnimmt. Und das passt dann alles? „Das passt“, ist Ralf Bruns sich sicher. Danach muss noch die Emscher auf rund 700 Metern Länge verlegt werden, der alte Düker wird zubetoniert, und schon sieht’s aus, als wär’ nichts gewesen. Das Meisterwerk der Ingenieurskunst lässt sich nur noch erahnen.
Blick vom Turm
Picknickmäßig ist die Baustelle nicht wirklich einladend, die Umgebung dafür umso mehr. Felder, Wiesen, Wälder – und das alles auf absolut plattem Land – machen die Gegend zum Wander-, Fahrrad- und Joggingparadies. Und ein kleines Stückchen entfernt steht auch Kunst, EMSCHERKUNST sogar. Ein hölzener Steg führt den Besucher durch die Landschaft hin zum Turm von Tadashi Kawamata. Dieser Rundturm erfüllt zwar alle Anforderungen einer funktionalen Architektur, ist aber laut Künstler auch eine Skulptur, also eine ästhetische Form, die unbedingt den Charakter des Provisorischen behalten soll. Kawamata thematisiert damit den Wandel der Landschaft. So wie die Emscher einst friedlich durchs Ruhrgebiet mäanderte, um dann begradigt und nun wieder renaturiert zu werden, ist auch sein Turm dem Wandel und der Vergänglichkeit ausgesetzt. Über die erneute Verlegung der Emscher kann sich der Besucher von der Aussichtsplattform auf dem Turm ein Bild machen. Denn schließlich ist hier das eine Ende der sogenannten Emscher-Insel, also der Landzunge zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal – das andere Ende ist in Oberhausen.
Bier im Bus
Nun reicht’s aber erst mal, Zeit für eine Pause. Die Picknickdecke landet am Rande eines blühenden und duftenden Rapsfeldes, Tupperdosen werden ausgepackt, Thermoskannen aufgeschraubt, Vögel zwitschern, Schäfchenwölkchen ziehen vorbei, und in der Ferne rauscht die A2.
Wir überlegen, was es noch Sehenswertes gibt in der Gegend. Das Schiffshebewerk Henrichenburg natürlich, auch ein Meisterwerk der Ingenieurskunst (von 1899), nur einen weiten Steinwurf entfernt am Dortmund-Ems-Kanal gelegen. Schiffe, die den Kanal passieren wollten, wurden dort früher 14 Meter hoch- bzw. runtergehoben, im Jahre 1969 schloss die Anlage, die Technik ist immer noch faszinierend. Im Werk herrscht jedoch auch heute noch rege Betriebsamkeit: Ausstellungen rund ums Thema Schifffahrt finden ebenso statt wie Führungen, Radtouren und Theaterabende. Wer den Picknickkorb zu Hause vergessen hat, lässt sich im Gastrobus nieder, einem urigen Doppeldecker aus dem Jahre 1959. Dort gibt’s Kuchen vom Blech, Kaffee, Bier und einen herrlichen Blick aufs imposante Hebewerk und den Schiffsanleger. Nicht der schlechteste Ausklang für einen gelungenen Ausflug!
Im Schatten des Gasometers
Neuer Tag, neues Picknickglück. Ziel: die Kläranlage Läppkes Mühlenbach am Rhein-Herne-Kanal in Oberhausen-Borbeck. Noch vor zwanzig Jahren hätte allein der Gedanke an einen Aufenthalt, geschweige denn an Nahrungsaufnahme in dieser Umgebung ein völlig berechtigtes Naserümpfen hervorgerufen. Ein kurzer (versprochen!) sachkundlicher Blick in die Historie: Die Mühle klappert schon lange nicht mehr am rauschenden Läppkesbach, und schon seit den 1920er Jahren diente das Flüsschen als Köttelbecke, bis es 1991 durch die Emschergenossenschaft renaturiert wurde. Heute landet der Bach nach Unterquerung des Rhein-Herne-Kanals in der Emscher. 1958 wurde die Kläranlage gebaut. Über mehrere Bäche und Rohrleitungen gelangten die Abwässer erstmal ins runde Klärbecken, wo das Wasser mechanisch gereinigt und von Feststoffen befreit wurde. Der Klärschlamm wurde weiter in den sogenannten Faulturm gepumpt und dort ständig umgewälzt. Bakterien sei Dank wurde die Mocke in geruchsarmes Material verwandelt. Insgesamt nicht besonders appetitlich, aber notwendig.
Apropos Appetit, der ist uns nicht vergangen, denn wo’s einst erbärmlich stank, blühen heute rote Kastanien im landschaftsgärtnerisch gestalteten Umfeld, im vergissmeinichtumwachsenen runden Ex-Klärbecken haben sich Seerosen angesiedelt, und im blitzblanksauberen Faulturm, der noch bis 1996 in Betrieb war, befindet sich eine eindrucksvolle Installation. Der Künstler Alexander Titz hat aus (unbenutzten) Entwässerungsrohren eine Klanginstallation geschaffen, die in ihrer Struktur an das Wurzelwerk tropischer Mangroven erinnert. Aus 16 Rohr- Enden ertönen Klänge aus der Wasserwelt: Rauschen, Plätschern, Prasseln, Gurgeln, Fließen, Tropfen, Glucksen. Ein tolles Klangerlebnis!
Wir verlassen den Innenraum und steigen auf einer Wendeltreppe außen um den Turm herum hoch auf die zwanzig Meter hohe Aussichtsplattform. Ein leichtes Lüftchen weht, wir rücken unseren Bütterken zu Leibe, genießen den Blick Richtung Ripshorster Gehölzgarten und Gasometer und beglückwünschen uns gegenseitig zur Wahl unseres Picknickortes. Vögel zwitschern, Schäfchenwölkchen ziehen vorbei, und in der Ferne rauscht diesmal die A42.
Lust auf Abenteuer
Mit sattem Bauch machen wir uns auf, um noch ein wenig am Kanal entlang zu schlendern. Und was sehen wir da? Eine fröhliche Truppe von Menschen, die Kanus besteigen. „Wohin des Weges?“, rufen wir den Paddelfreunden neugierig zu. „Wir sind auf Emscher-Expedition“, schallt es freundlich zurück. Muss man das kennen? Auf jeden Fall! Selber eine Tour planen ist ja gut und schön, aber in Gesellschaft und unter fachkundiger Führung hat man vielleicht sogar noch mehr Spaß. 14 verschie- dene Events stehen zur Auswahl. Vom Klärpark aus führt zum Beispiel die Kanu-Expedition in 4er-Kanadiern zum Nordsternpark in Gelsenkirchen, vorbei an Industrieanlagen und Häfen. Aber auch Leute mit anderen Interessen kommen voll auf ihre Kosten, Kräuterexpeditionen etwa führen zur Halde Rheinelbe, Bergmann Hermann zeigt auf einer Fahrradexpedition seine ganz persönlichen Erinnerungen an seine Zeit auf Zeche Zollverein, Theaterliebhaber können mit dem Improvisationstheater Emscherblut zu verschiedenen Orten des Emschertals losziehen, tierfreundliche Familien haben sicher Spaß an der Eselexpedition zum Emscherquellhof. Und die gute Nachricht zum Schluss: Fast alle Touren beinhalten ein zünftiges Picknick!
Klärpark der ehem. Kläranlage Läppkes Mühlenbach, Sühlstr. 6, Oberhausen www.emscher-expeditionen.eu, www.emscherkunst.de
Text: CC
Fotos: Dücker Baustelle / WNA Datteln, Kawamata / Roman Mensing (EMSCHERKUNST 2010), Schiffshebewerk / A. Hudemann, Kanu Expedition / Andreas Hub, Fotolia.com: Rickshu, robynmac, Ekatarina Prokovsky
