
Auf zu neuen Ufern
Nachdem im letzten Monat der ewige Winter die Ausflugsstimmung noch ein wenig trübte, startete die coolibri-Picknick-Expedition kurz nach Ostern gleich zweimal bei strahlendem Kaiserwetter. Erstes Ziel war der Dortmunder Norden mit Hafen, Fredenbaumpark und Pumpwerk, die zweite Tour führte an die Lippe bei Dorsten, wo wir nicht nur auf die Kanalfähre Baldur und grüne Auen, sondern auch in die blauen Augen von Sterne- und TV-Koch Björn Freitag blickten.
Streifzug durch den Dortmunder Norden
Man könnte locker einen Kurzurlaub im Dortmunder Norden verbringen, inklusive Hafenrundfahrt, Natur-Trip, Technikmuseum, Kulturangebot – und natürlich Picknick. Uns bleibt ein einziger schöner Nachmittag, der leider rubbeldikatz wieder vorbei ist.
Startpunkt ist der Dortmunder Hafen. Wer zum ersten Mal hier ist, denkt: Hey wow! Wo bin ich hier? Antwort: im größten Kanalhafen Europas! 1899 wurde er samt markantem Hafenamt von Ihro Gnaden Kaiser Wilhelm II höchstpersönlich feierlich eingeweiht. Wer per Lastkahn etwa von Rotterdam nach Berlin oder von Basel nach Emden will, passiert auf jeden Fall diesen Hafen am Dortmund-Ems-Kanal. Zehn Hafenbecken stehen zur Verfügung für rund drei Millionen Tonnen Schiffsgüter, die alljährlich umgeschlagen werden. Wer mag, kann das riesige Gelände zu Fuß, per Fahrrad, auf einer Fackeltour oder auch an Bord der „Santa Monika“ erkunden. Oder man sucht sich eines der raren, aber begehrten Plätzchen direkt am Wasser und packt den Picknick-Korb aus. Nicht nur das Hafenpanorama, auch die Geräuschkulisse ist eindrucksvoll und vor allem: voll Ruhrgebiet. Von fern dröhnen LKWs und die gigantischen Container-Verladestationen, während gleichzeitig das leise Gluckern des Wassers, das Kreischen der Möwen und das Quaken der Enten maritime Stimmung verbreiten.
Okay, wir haben unsere tägliche Dosis Industrieromantik erhalten und machen uns auf Richtung Fredenbaumpark, nicht ohne unterwegs einen Blick ins Depot zu werfen, eine ehemalige Straßenbahnwerkstatt, in der nach aufwändigen Umbauarbeiten über 30 Einzelunternehmen, Gesellschaften, Vereine, Betriebe und Büros und vor allem jede Menge Kultur ein Zuhause gefunden haben. Tipp: unbedingt für ein Kulturevent und einen Kneipenbesuch vormerken!

A Walk in the Park
Der Fredenbaumpark ist die grüne Lunge des Dortmunder Nordens. Und er ist Naherholung pur. Zum Wohlfühlen auf großzügigen 63 Hektar tragen bei: Liegewiesen, Rosengarten, Musikpavillon, Gaststätte, Kinderspielplätze, Bootsverleih, Joggingstrecke, 3-Kilometer-Inliner-Rundkurs, Minigolf, Boule, Big Tipi, Beachvolleyballfeld, Tischtennisplaten, Fußballplätze, Grillplätze, Jugendverkehrsschule, American Football, Pumpwerk. Der Hunger treibt uns – durch ein Meer von zauberhaft blühenden japanischen Zierkirschen – direkt ins kulinarische Herz des Parks: Schmiedingslust. Spätestens hier fühlt man sich in die Kindheit zurückversetzt. Die rotkarierten Decken sind mit Klammern am Tisch befestigt und auf der Speisekarten steht neben Bockwürstchen und Waffeln der Ausflugslokal-Klassiker schlechthin: Schnitzel Hawaii mit Reis und Früchtecocktail-aus-der-Dose-Currysauce. Lecker! Und die hauseigene Mopsdame Dolly passt auf, dass kein heruntergefallenes Krümelchen übrig bleibt.
Frisch gestärkt geht’s weiter. Käme da aus östlicher Richtung nicht die Geräusch- und Geruchswelt vom Dortmund-Ems-Kanal herübergeweht, könnte man meinen, man sei in Bad Lippspringe. Über breite Wege lustwandeln wir gen Osten, wärmend flirrt die Sonne durchs Geäst, der Rhododendron steht kurz vor der Blüte, Teppiche von kleinen weißen Blüten bedecken den Boden, und – erneuter Kindheitsflash – ein alter VW-Bulli mit der Aufschrift „Eis da Luigi“ kreuzt den Weg.
Da taucht plötzlich vor uns ein Indianerzelt auf, ein gewaltiges, 35 Meter ist es hoch und ein Andenken an die Expo 2000. Drin im „Big Tipi“ ist ein Klettergarten, außen rum befindet sich ein Kinder-Abenteuer-Paradies erster Güte namens „Erlebniswelt Fredenbaum“. Spielgeräte ohne Ende, ein Waldareal, eine Feuerstelle, ein kleines Tipi-Dort, Streetsoccer und ein Streichelzoo mit allerlei Kleinviechzeug. Für Kinder nicht nur kurz-, sondern durchaus langzeiturlaubstauglich …

Pump up the Volume
Etwas versteckt am östlichen Rand des Parks liegt ein Monument, dessen Bedeutung fürs Wohlergehen der umliegenden Bevölkerung gar nicht genug betont werden kann: das Pumpwerk Evinger Bach. Gäbe es das nicht, gäbe es nämlich auch die umliegende Bevölkerung nicht, denn alles stände unter Wasser. Dem Bergbau verdankt die Gegend um den Evinger Bach Geländesenkungen von bis zu sieben Metern. Wie in der gesamten Region ist auch hier das Pumpwerk der Emschergenossenschaft dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit zu pumpen, was das Zeug hält. Je nach Niederschlagsmenge arbeiten hier bis zu neun Pumpen auf Hochtouren. Vom Fundament in 15 Metern Tiefe bis hin zu den verschiedenen Pumpen und der Ausstellung über die Geschichte des Werkes – das architektonische Kleinod aus den 1950er Jahren ist ein Eldorado für Technik-Freaks. Schadet ja nichts, wenn Letztere auch mal ein bisschen Kunst zu Gemüte geführt bekommen, und so beherbergt das Gebäude seit 2003 gewaltige Gemälde des Künstlers Norbert Tadeusz. An der Stirnwand der ehemaligen Motorenhalle hängen an mittelalterliche Altarbilder erinnernde bizarre und farbenprächtige Szenerien. Die Serie „Roter Fries“ zeigt Pferde und Jockeys in Positionen, die man so intensiv und dynamisch noch nicht gesehen hat. Eine Klangkunst-Installation von Katja Kölle, die mit den Geräuschen beim Start der Pumpen und Original-Evinger-Bach-Plätschern spielt, macht den Besuch zu einem ganzheitlichen Erlebnis.
Im Rahmen der Reihe EmscherFilmMatinee laufen einmal pro Monat im Pumpwerk Filme zum Thema „Wasser“.
Und am 19. Juni wird das Pumpwerk zum kleinsten Spielort der ExtraSchicht. Von 18 bis 2 Uhr nachts wird Außergewöhnliches zu hören, sehen und erleben geben, selbstredend zum Thema „Wasser“. Soviel sei schon mal verraten: Multimedial wird’s zugehen, und Open-Air-Kino gibt’s auch! Wir notieren uns den Termin im Kalender, richten unsere wehen Füße wieder Richtung Park, suchen uns ein lauschiges Plätzchen im Halbschatten und sinken ermattet, hungrig und zufrieden auf unsere Picknickdecke.
Urlaubsfeeling an der Lippe
Der Frühling ist sooo schön, dass uns das Naherholungs-Fernweh direkt am nächsten Tag erneut packt. Uns reizt die Lippe, die – aufwändiger Renaturierung sei Dank – von Ost nach West durchs Ruhrgebiet mäandert und bei Wesel in den Rhein mündet. Eine der Perlen an der Lippe ist Dorsten, das uns nicht nur wegen seiner Wasserrandlage lockt, sondern – zugegeben – auch wegen seines kulinarischen Rufs.
Denn hinter der Fassade kleinstädtischer Beschaulichkeit brodelt es in den Kochtöpfen von gleich zwei Sterneköchen. Einer von beiden, Björn Freitag, hat sich bereit erklärt, uns Dorsten schmackhaft zu machen. Der Name seines Restaurants „Goldener Anker“ deutet ja bereits auf eine gewisse Gewässernähe hin, und in der Tat, gleich um die Ecke verläuft der Wesel-Datteln-Kanal, direkt parallel dahinter die Lippe. Doch zurück ins Sterne-Restaurant am Rande der Altstadt: draußen urige Fachwerk-Optik, drinnen durchgestyltes modernes Interieur. So lässt sich kurz und knapp beschreiben, was die hungrigen Gäste erwartet. Auf den Tisch kommt „reelle Gourmetküche, die meist Bodenhaftung bewahrt“. TV-Gucker kennen Björn Freitag aus verschiedensten Koch-Shows (los ging’s bereits 2000 mit „Echt scharf“, aktuell treibt er im WDR, bei VOX und auf Kabel 1 sein Koch-Wesen). Zwei Bücher hat er bereits geschrieben: „Freitag in Deutschland“ und „Sterne-Snacks“. Kochen kann der Mann also, versteht er denn auch was von Picknick? Da, man staune, mag der sympathische Maestro es lieber klassisch: Kartoffelsalat und Mettwürstchen. Oder mediterran einfach: Brot mit Olivenöl und Salz.
Don’t pay the Ferryman
Der Picknick-Koffer, mit dem wir losziehen, ist also nicht besonders schwer. Wohin Herr Freitag uns wohl führt? An die Lippe natürlich. Schon als Kind radelte der kleine Björn gemeinsam mit seinen Eltern den Fluss entlang, was ihm wie den meisten Kindern „ziemlich auf den Geist ging“, viel lieber erinnert er sich an die Einkehr in eines der zahlreichen Ausflugslokale längs des Flusses. Überhaupt befindet man sich hier in einer Gegend mit hohem Biergarten-Aufkommen, denn es ist nicht weit zum Gebiet „Hohe Mark“ oder zu den Halterner Stauseen. Ein Paradies für Motorradfahrer!
Letztere haben’s jedoch schwer, an den Ort zu kommen, den wir für unser Picknick auswählen: die Lippefähre Baldur. Die Böschung ist ein Spitzenplatz zum Ausbreiten von Decke und Fressalien. Und während man so sitzt und plaudert und kaut, kann man prima den Leuten zuschauen, die die Fähre nutzen, die müssen nämlich richtig ran. Per Muskelkraft müssen sie eine Handkurbel bedienen, die das metallene Floß auf dicken Stahlketten zieht. Das ist umweltfreundlich, stählt den Körper und kostet nix.

Wir verweilen noch ein bisschen in den Lippeauen, bevor wir nach Dorsten zurückkehren, das natürlich wie der Rest des Reviers Kulturhauptstadt ist. Hier fiel im April der Startschuss zum 2010-Projekt „GrenzGebietRuhr“, an dem auch der Dorstener Kunstverein Virtuell-Visuell mit der Arbeit „Schwarzes Gold“ teilnimmt. Das Künstlerpaar Kirsten und Peter Kaiser befestigte am Betonkubus vor dem Recklinghäuser Tor einen 3,50 mal 2 Meter großen (künstlichen) schwarzen Kohlebrocken, auf dem eine goldene Industriesilhouette thront. Abends wird der schwarze Stein mit Weißlicht angestrahlt und der Kubus in goldenes Licht getaucht.
Auch wenn bedauerlicherweise sowohl der Sterne- als auch der Kulturtourismus bislang einen großem Bogen um Dorsten machen, wir haben mehr als einmal gedacht: Wie im Urlaub!
Fotos: Pumpwerk / Thomas Heiser; Park & andere: BB
Pumpwerk Evinger Bach
Münsterstr. 272, Zugang über Beethovenstr., Dortmund
Öffz.: Sa 14–18, So 12–17 Uhr
2. Mai, Film-Matinee: Willi will’s wissen: Wie ewig ist das ewige Eis? • Expedition mit dem Forschungsschiff Polarstern in die Antarktis
Info: www.dortmunder-hafen.de, www.santa-monika.de, www.depot-dortmund.de, www.bjoern-freitg.de, www.emscherplayer.de
