Odyssee Europa: Theaterrallye ohne Irrfahrt

Das Ende am Anfang

Samstagmorgen, 11 Uhr, die Ruhr-Odyssee beginnt hinter Absperrbändern am Check-In des Essener Grillo Theaters. Mit oder ohne Übernachtung fragt die Empfangsdame, dann Koffer abgegeben, Reiseunterlagen in Empfang genommen – los geht’s. Im Foyer tummelt sich die gesamte Revierprominenz, vor lauter Geselligkeit vergisst man fast, worum es hier geht: Homers Odyssee-Legende diente sechs Autoren als Grundlage für sechs Stücke, deren Aufführungen wir an sechs Theatern in den kommenden 48 Stunden erleben werden.

Der Stückemarathon beginnt mit „Areteia“ des polnischen Autors und Regisseurs Grzegorz Jarzyna und ist auch gleich ein Highlight. Mystisches Bildertheater erzählt von Odysseus Rückkehr nach Athika und setzt damit das Ende des Mythos an den Anfang unserer Reise. Die Inszenierung ist wie ein perfekt durchkomponiertes Musikstück, die Götter erinnern schwer an Raumschiff Enterprise, und beim Applaus zeigt sich der junge Regisseur mit sympathischer Wuschelfrisur. Aus dieser Traumwelt torkeln wir gnadenlos in die Realität: Vor dem Theater warten schon die Gastgeber mit Namensschildern auf der Suche nach ihren Übernachtungsgästen. Man findet sich, knüpft erste Kontakte und weiter geht’s mit dem Auto der Gastgeber in Richtung Bochum. Die Idee der speziellen Gästebetreuung stammt vom Künstlerkollektiv raumlaborberlin und scheint an dieser Stelle wohl aufzugehen. Unser Weg führt direkt zur prominenten Frittenschmiede in Bochum-Wattenscheid. Vor dem Profi-Grill tummeln sich bereits ein gutes Dutzend Theatergänger, im feinen Jackett mit Pommes-Currywurst auf der Hand. So profitiert auch die lokale Gastronomie von der Kulturhauptstadt.

Erste Ermüdungserscheinungen

Nachmittags im Bochumer Schauspielhaus führt Roland Schimmelpfennigs „Der elfte Gesang“ geradewegs in einen geistigen Dämmerzustand. Ein Blick ins Publikum bestätigt den allgemeinen Konzentrationsabschwung. Die Szenenabfolge auf der Bühne erscheint wahllos, Odysseus lamentiert sich spannungslos durch die Geschichte, die Aktualisierungen der Figuren wirken befremdlich. Gut, dass es danach zügig in die Busse geht. Im Herner Hafenbecken empfängt uns der gut gelaunte Kapitän auf der Santa Monika. Bei Sauerkraut und Formfleisch wird diskutiert, ob Odysseus ein Mörder war oder nicht, und wie viel Schicksal im Spiel war. „Ich glaube nicht an das Schicksal, sondern an den Fortschritt“, argumentiert der Tischnachbar, während das Schiff die Zeche „Unser Fritz“ passiert.

Mord in Oberhausen

Es ist bereits dunkel, als der Busfahrer auf dem Weg nach Oberhausen seine Reiseführer-Qualitäten unter Beweis stellt: Tetraeder Bottrop rechts, Gasometer Oberhausen links. Irgendwie hatte ich mir von der angekündigten „Irrfahrt durch die Zwischenwelt“ mehr versprochen. Im Theater Oberhausen geraten alle Sinne in Alarmzustand, so anarchisch, atemlos und gefährlich zeigt sich Enda Walshs „Penelope“ auf der Bühne. Ein schmuddeliges Schwimmbad wird zum blutigen Tatort, und Penelopes verwahrloste Freier schreien um ihr Leben. Mit einem fulminanten Bühnengemetzel endet der erste Tag.

Vorbei an Schafen

So manche Nacht bei den Gastgebern war kurz, und das Theater Mülheim gönnt uns keine Erholung. Mit seinem „Sirenengesang“ katapultiert uns Theaterleiter Roberto Ciulli durch den vielschichtigen Text von Péter Nádas. Ohne Beschönigung verknüpft er den Stoff der Odyssee mit Kriegsschauplätzen der Welt, bis hin zu den globalen Folgen des Kapitalismus. Zur Beruhigung der Nerven führt der Weg aus dem Theater an einer Schafherde vorbei. Wir kramen das Tütchen mit der Aufschrift „Schaf“ aus unseren Reiseunterlagen, aber die wolligen Gesellen laufen vor unsren Leckerchen davon.

Albtraum Europa

Die Tennishalle in Moers ist wohl der grandioseste Spielort. Dort begleiten wir „Perikizi“, eine junge Türkin, auf ihrem Weg in die Fremde. Wie „Alice“ durchlebt sie die Tiefen ihres vermeintlichen Wunderlandes namens Europa. Neugierig und unnachgiebig ist dieses Mädchen, eindringlich und klug ist diese Inszenierung von Ulrich Greb. Versöhnlich dürfen wir am Ende ihrer Hochzeit beiwohnen, bevor der Sturm uns vom Schlosstheater in Richtung Dortmund weht.

Der letzte Akt

Nach einer geselligen Tafelei im Depot finden wir uns in Christoph Ransmayrs „Odysseus, Verbrecher“ am Theater Dortmund wieder. In einer weiß strahlenden Kiste agieren die durch Masken und Stelzen verfremdeten Schauspieler, das überdimensionierte Puppenspiel erzählt mit grotesken Mitteln von der Rückkehr des Helden. Das Ende der Theaterrallye naht, und da für die einzelnen Inszenierungen außer der groben Themenvorgabe kein Gesamtkonzept ersichtlich ist, stellen sich viele Zuschauer zwangsläufig die abschließende Frage: Wer hat den Wettbewerb der Ruhr-Odyssee gewonnen? Diskussionen überall, aber für eine eindeutige Antwort waren dann doch alle zu erschöpft.

Text: Ariane Schön
Foto: Matthias Horn

Odyssee Europa – Sechs Schauspiele und eine Irrfahrt durch die Zwischenwelt:
22.+23.5. Schauspielhaus, Bochum; Schauspiel, Dortmund; Schauspiel, Essen; Schlosstheater, Moers; Theater an der Ruhr, Mülheim; Theater, Oberhausen; www.odyssee-europa.de

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