RUHR.2010 BOCHUM: Urban Artistic – Cem Kuyu & Martin Lidzba

Sie bewegen sich in unseren Städten, überall dort, wo es Treppen, Geländer, Litfasssäulen, Baugerüste, Podeste, Mauervorsprünge, öffentliche Plätze und ungenutzte Räume gibt. Die urbanen Strukturen sind das Potential, das die BMXer, Traceure, Freerunner, Tricker und Breakdancer zu ihrer kreativen Entfaltung nutzen. Die Skills und Moves der jungen, verrückten, aber eben auch kreativen Streetartisten, sind an Waghalsigkeit und Dynamik kaum zu überbieten. Nach einem ersten Eindruck vom Training in der Marienkirche hat Paul Tschierske mit zwei “urbanen Artisten” gesprochen.

Foto: Georg Schreiber

Rund fünfzig Streetartisten wurden über den Zeitraum von einem Jahr gecastet und trainieren für ein Ziel: URBANATIX – Die Show. Bei URBANATIX kommen die jungen Wilden der Straße zusammen und treffen auf international für Furore sorgende Ausnahmekünstler der modernen Artistenszene, sowie auf szenebekannte Beatboxer, Musiker und DJs, um ihre Skills zum ersten Mal zusammen in einer Show zu präsentieren. Sie performen eine neue Art der Bewegungskunst und bringen die Jahrhunderthalle, wo früher der Puls der Industrie schlug, mit frischem und urbanem Leben zum Glühen. Mit dabei sind die international bekannten Ausnahmekünstler aus Japan, Hilty & Bosch, wie auch der deutsche „Popstar“ der jungen, modernen Artistenszene, Eike von Stuckenbrock.

Aber auch unbekannte, regionale Künstler werden bei URBANATIX nicht außen vorgelassen. Für das Tricking ist der 15-jährige Cem Kuyu, der auch in dem Film “Teufelskicker” mitspielt, aus Heiligenhaus mit am Start, für den Tricking „ein Sport ist, bei dem die Community zählt, dass man zusammen Spaß hat und sich untereinander austauscht.“

Zum Tricking selbst ist er auf Umwegen gekommen. „Ich habe früher Takewandoo gemacht, so Martial Arts Zeug. Das wurde irgendwann aber langweilig und Turnen hat mich immer schon interessiert. Ich habe dann einfach selbst angefangen auf der Wiese rum zu tricken und dann über Internetcommunities Leute kennengelernt.“ Aber wie kommt ein 15jähriger darauf sich bei URBANATIX zu bewerben und bei den Castings mitzumachen? „Durch einen älteren Freund. Eigentlich muss man 16 Jahre alt sein, aber dann bin ich einfach zum Recall gegangen, habe ein bisschen was gezeigt und eine Ausnahmeregelung bekommen. Beim Tricking bin ich jetzt der Jüngste.“ URBANATIX setzt auf Talent, nicht auf einen bürokratisch korrekten Ablauf. Tricking als Streetartistic, Straßenkunst? „Ich würde es nicht unbedingt nur als Streetartistic beschreiben. Die meisten Tricker trainieren in öffentlichen Hallen, entwickelt hat es sich durch Takewandoo und andere Martial Arts Sportarten.“

Für Laien schwer auseinander zu halten sind Parkour und Freerunning, das sich aus dem Parkour heraus entwickelt hat. Der Wuppertaler Martin Lidzba, zwanzig, ist ein Traceur und ein Freerunner, für ihn liegen die Unterschiede auf der Hand. „Parkour ist die Kunst der Fortbewegung, dabei werden alle Hindernisse auf dem direkten Weg von Punkt A nach B so effizient wie möglich überwunden. Beim Freerunning geht es weniger um die Effizienz, sondern eher darum kreativ und spielerisch mit den Hindernissen umzugehen. So fließen auch artistische Elemente wie Salti ins Freerunning mit ein. Die Voraussetzung um ein Freerunner zu sein, ist es, ein Traceur zu sein, denn Freerunning baut auf Parkour auf.“

Doch wie kommt man zu einer Sportart, die bei unseren Nachbarn in Frankreich erfunden wurde „Ich bin über Parkourvideos im Internet zu dem Sport gekommen. Einige Wochen später habe ich auch schon Traceure in meiner Umgebung gefunden. Die Grundlagen von Parkour habe ich in einem Verein gelernt.“

Denkt man an die waghalsigen Moves und Jumps beim Parkour/Freerunnig, fragt man sich, wie viele Knochenbrüche und Verletzungen ein Traceur/Freerunner erdulden muss. „Ich betreibe den Sport jetzt seit ca. dreieinhalb Jahren. Der Sport ist nur so gefährlich wie man sich ihn selbst macht, Übermut ist fehl am Platz. Der Sport hat sehr viel mit Selbsteinschätzung zu tun, man springt nur, wenn man sich zu 100% sicher ist, dass man es schafft. Ich selbst hatte bis jetzt keinerlei ernste Verletzungen, lediglich einige Zerrungen bzw. Schürfwunden. Es ist ein allgemeines Klischee, das Parkour sehr gefährlich sei.“ URBANATIX bezeichnet Parkour als Streetartistic, vergleichbar mit der Artistik beim Cirque du Soleil. „Für mich ist Parkour beides, ein Sport und eine Kunst, doch vor allem ist es für mich eine Lebenseinstellung. Parkour als Kunst zu definieren ist durchaus berechtigt, im Mittelpunkt steht nicht nur der sportliche, sondern auch zu sehr großen Teilen ein philosophischer Aspekt, was die meisten Leute gar nicht wissen. Da man bei Parkour versucht seine Bewegungsabläufe zu perfektionieren würde ich außerdem schon von Artistik sprechen, auch wenn nicht im klassischen Sinne.“

Im Vorfeld von URBANATIX hat es viel Streit darum gegeben, ob diese Show eine Jugendkultur ausbeutet, sie kommerzialisiert. „Ich sehe die Kommerzialisierung von Parkour für uns Traceure als positiv. Früher wurde man oft von Trainingsorten verjagt, weil die Leute nicht wussten was wir machen und dachten, wir wollten irgendwo einbrechen oder Wandalismus betreiben. Dies hat sich etwas gebessert, durch die steigende Bekanntschaft von Parkour. Die großen Parkour/Freerunning Events von RedBull, Barclaycards oder die Parcouring WM, sind entstanden um den Firmen eine gute Werbeplatt-form zu geben. Dagegen kann man nichts machen, jede Subkultur hat einen Punkt, an dem Geld ins Spiel kommt.“

21.-23.5. Jahrhunderthalle, Bochum

www.urbanatix.de

Text: Paul Tschierske

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