Seit einiger Zeit produziert der Ringlokschuppen durch Theaterereignisse mit René Pollesch und Großveranstaltungen wie der „Eichbaumoper“ Schlagzeilen. In dem ambitionierten Kulturzentrum wurde unter dem Motto „Aufstand gegen die Wirklichkeit“ bereits viel Neues ausprobiert. Holger Bergmann, der umtriebige künstlerische Leiter, erläutert seinen Begriff von einem Theater der Zukunft.
Der Ringlokschuppen soll zum freien Theaterhaus Ruhr werden. Wie kam es zu der Idee?
Wir bleiben natürlich der Ringlokschuppen, aber wir haben schon in den letzten Jahren zwei Bereiche herausgebildet. Das eine ist ein popkulturelles Programm für die Stadthalle und das zweite war für den Ringlokschuppen die Beschäftigung mit der Frage, wie die Zukunft des freien Theaters aussehen könnte. Wie führt man genreübergreifende Projekte weiter und wie kann man diese ursprüngliche Kraft vom freien Arbeiten in die Gegenwart, aber auch in die Zukunft holen.
Was wird sich im Programm verändern?
2010 werden wir konsequent Theaterproduktionen und Gastspiele einladen und damit fast ein ausschließliches Theaterprogramm hier haben. Unser Theaterbegriff ist sehr offen und meint verstärkt performative Formen, experimentelles Theater und Projekte. Zum einen Projekte, die auf Partizipation ausgerichtet sind und zum anderen Projekte, die sich mit Transformationsprozessen im öffentlichen Raum beschäftigen. Genau dafür hat die „Eichbaumoper“ gestanden. Wir werden das Festival „Theater der Welt 2010“ hier im Haus haben und 2011 ist wieder ein großes Projekt an einem Außenspielort geplant.

Wozu braucht die Region ein freies Theaterhaus?
Seit Jahren gibt es eine Leerstelle im Ruhrgebiet, die wir füllen möchten. An anderen Stellen in NRW oder in Städten wie Hamburg oder Berlin gibt es solche Orte bereits. Unsere Planungen sind auf Kontinuität und Zusammenarbeit mit bestimmten Künstlern und Künstlergruppen ausgerichtet. Studierende der Bochumer Theaterwissenschaften haben bei uns eigenständige Projekte aufgebaut, das bekannteste heißt jetzt „kainkollektiv“, eine der wenigen Theatergruppen aus NRW, die kollektive Arbeitsweisen auf das Theater anwenden. So gibt es eine ganze Reihe von Arbeiten, die nicht mehr klar den Sparten zugeordnet werden können. Das macht auch das freie Denken aus, jenseits von Förderstrukturen und Einordnungen.
Was bietet der Ringlokschuppen als Ort für Theaterexperimente?
Die Diskussion ist noch nicht abgeschlossen. Wir haben damit begonnen, mit vielen darüber zu sprechen, wie denn ein Ort des Theaters von morgen aussehen müsste. Ich bin der festen Meinung, dass innovatives Theater nicht mehr mit der Struktur eines klassischen Stadttheaters entstehen wird, aber auch nicht mehr mit der klassischen Struktur des freien Theaters. Welche Arbeitsbedingungen braucht man? Welche Form der Förderung? Um all diese Fragen zu erörtern, führen wir intensive Gespräche mit Kuratoren, Kollegen, Künstlern und Publikum.
Das Vorhaben weckt hohe Erwartungen und natürlich auch diverse Bedürfnisse von Theatermachern. Was hat der Einzelne davon?
Verschiedenes. Zunächst die kontinuierliche Förderung von freien Gruppen und Künstlern, die sich durch eine längerfristige künstlerische Auseinandersetzung qualifizieren können. Außerdem machen wir weiterhin Koproduktionen mit Stadttheatern, genauso arbeiten wir mit Amateuren und Jugendlichen. Mittlerweile haben wir vier Jugendklubs im Haus und das ist eine Arbeit an der Basis, die es uns ermöglicht, Prozesse miteinander in Beziehung zu setzen. So wird jetzt das „kainkollektiv“ mit den „Jungen Performern“ ein neues Stück entwickeln. Dabei legen wir keine Qualitätsstandards fest, der Teamgedanke steht bei allem im Vordergrund. Es kann ein spannender Jugendtheaterabend entstehen, so wie ein Abend mit hochkarätigen Künstlern auch daneben gehen kann.
Die Termine im Überblick.
Interview + Foto: Ariane Schön
