Die Affa?re Manon: interaktive Web-Oper mit Musik von Henze

Hans Werner Henze ist immer offen fu?r neue Ideen. Er ergreift 1968 Partei fu?r die Studentenbewegung und pflegt Rudi Dutschke in seinem Haus in Marino. Die 1980 von ihm beschriebene „Schwierigkeit, ein bundesdeutscher Komponist zu sein“ hindert den politischen Ku?nstler nicht daran, eine Fu?lle von Opern, Film- und Ballettmusiken, Symphonien sowie kammermusikalischen Werken zu verfassen.
„Hans Werner Henze u?berspielt die Grenzen zwischen den Genres, Epochen und Stilen“, sagt Steven Sloane. Der ku?nstlerische Leiter von RUHR.2010 widmet dem 83-ja?hrigen Komponisten eine große Werkschau wa?hrend des ganzen Kulturhauptstadtjahres: „Ob in Herten, Witten oder Bottrop: Zwischen Januar und Dezember kommt keiner in der Metropole Ruhr an ihm vorbei.“ Sogar eine Internetoper entsteht.

Henze selbst spielt den Trubel um seine Person herunter: „Es gibt den Begriff der Gigantomanie. Dabei ist dieses Projekt ein Spiegel der vielfa?ltigen Einrichtungen der Region.“ Gerade die Vernetzung der verschiedenen Institutionen und die damit verbundene Wucht des Konzepts macht die Kulturmetropole real. Hans Werner Henze beschreibt die Leitidee vom „Wandel durch Kultur“ im Revier in seiner ihm eigenen, vorsichtigen Art: „Die Dinge haben sich positiv entwickelt: Es wird weniger geschuftet, und der Blick geht nach oben. Die Musik ist dabei nicht unwichtig.“

coolibri pickt sich an dieser Stelle zwei spannende Projekte heraus, die zu Beginn des Jahres gerade einem jungen Publikum den Zugang zu Henze erleichtern ko?nnten: die Internetoper „Die Affa?re Manon“ und die cineastische Retrospektive mit Filmmusiken an verschiedenen Februar-Abenden im Bochumer Programmkino Casablanca. Im Bermudadreieck wird der Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Alain Resnais, Volker Schlo?ndorff, Margarethe von Trotta oder Bernhard Sinkel gewu?rdigt. Das Lichtspielhaus zeigt „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ oder „Eine Liebe von Swann“ bei freiem Eintritt. Auch selten zu sehende Filmklassiker wie „Muriel oder Die Zeit der Wiederkehr“ so- wie „Liebe bis in den Tod“ von Alain Resnais sind zu bewundern.

Die Internetoper dagegen ist eine neue, wagemutige Idee: Die Webgemeinde wird aufgefordert, das Stu?ck mit Musik aus Hans Werner Henzes „Boulevard Solitude“ und Giacomo Puccinis „Manon Lescaut“ im Netz mitzugestalten und dabei Szene fu?r Szene neu entstehen zu lassen. Oper fu?r Jedermann, egal ob als Produzent, Darsteller, Zeichner oder Erza?hler. Voraussetzung ist kein abgeschlossenes Musikstudium, noch nicht einmal ein Schulabschluss, sondern lediglich ein funktionierender Internetzugang, sei es u?ber ein iPhone. „Wir wollen die demokratischen und anarchischen Wege des Internet nutzen“, unterstreicht Anna Melcher, Chefdramaturgin des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier. Online-A?sthetik, moderne Kommunikation und die Faszination Oper sollen sich verbinden. Opern-Experte Wolfgang Willaschek freut sich auf das Experiment: „Henzes Boulevard Solitude’ aus dem Jahr 1955 verwandelt eine Prostituiertengeschichte der Aufkla?rung mit den Stilmitteln von Jazz und Tanz in eine Geschichte von Rausch und Dekadenz: eine virtuelle Oper. Die Hinwendung zu Neuen Medien’ scheint geradezu vorprogrammiert: Oper der Gegenwart im Kosmos der neuen Netze.”

Faktisch funktioniert das Ganze so: In regelma?ßigen Absta?nden wird durch die MiR-Mannschaft eine Szene ins Netz geladen und so die Geschichte der heiß begehrten Manon Lescaut erza?hlt. Dazu werden inhaltliche Beschreibungen und Audio-Dateien mit der entsprechenden Musik – die MiR und Neue Philharmonie Westfalen eigens dafu?r einspielen – zur Verfu?gung gestellt. Nun ko?nnen sich die User austoben. Egal, ob mit Freunden, in der Familie oder allein, es entstehen individuelle Neu-Interpretationen, die schließlich wieder auf die Seite www.internetoper.de hochgeladen werden. Alles ist erlaubt, alle technischen Hilfsmittel von der Handykamera bis zu HD-Format sind erwu?nscht.

Text + Foto: Tani Capitain

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