Dirk spricht mit Dirk: Tocotronic am Telefon

18. Dezember 2009: Ein Lied, in dem das Wort “Selbstbefriedigung” Hand in Hand mit dem Wort “Selbstauslöschung” durch eine hymnische Kneipen-Melodei spaziert, die ein bisschen klingt wie eine Indierock-Version von “When The Saints Go Marching In” … wie Kollege Stratmann ja hier schon kurz erläutert hat, kann so verkehrt nicht sein. Und soll mir nun doch noch als Anlass dienen, selber einen Klecks eigenen Senf zu diesem gemeinsamen mittäglichen Telefon-Interview beizusteuern.

Denn genauso wie Dirk von Lowtzow die Ähnlichkeit beider Melodien selber gar nicht bemerkt hatte, so gab er am Telefon auch zu, dass er gar nicht wusste, dass die erste Single von Silbermond (“Ist das nicht so ‘ne CDU-Band?”) einst “Mach’s dir selbst” hieß (das Wort “Selbstbefriedigung” trotz aller Zweideutigkeiten im Titel aber verschämt vermied). Insofern ist Tocotronics “Macht es nicht selbst” jedenfalls garantiert keine Antwort auf irgendwelches Gesülze anderer deutscher Bands (Dirk: “Ich bin auch zu faul, um mich damit zu beschäftigen”), aber eben nur auf den ersten Blick lustig oder locker (siehe oben das Wort “Selbstauslöschung”): “Da ist ja schon fast ‘ne Aufforderung zum Selbstmord drin versteckt.”

Die Selbst-Ironie, ja -Parodie des zugehörigen Videoclips, in dem Dirk sich mit heiligem Ernst nicht davon abbringen lässt, sich in exzentrischen und exaltierten Rockstar-Posen zu ergehen, während sich um ihn herum zwei “Obi-Biber” mit Flüssigkeiten bespritzen und am Ende anzünden, war übrigens seine eigene Idee. Der Spaß am Rollenspiel (genial, wie er bei der ersten Single zu letzten Platte, “Kapitulation”, schmierig schlagerstar-haft die Hand auf die Schulter einer älteren Dame im Publikum legt), ist unverkennbar. Und ob manche Leute das nicht verstehen, peinlich, schwul oder lächerlich finden, ist Dirk egal.

Ansonsten macht das ganze Album “Schall & Wahn” (anscheinend der Abschluss einer Berlin-Trilogie von drei in Berlin aufgenommenen Alben – aus der vielleicht nicht doch noch eine “Tetralogie” werden kann? Dirk: “Ach ja, in der Rockmusik kann man ja machen, was man will!”) mir persönlich übrigens sehr große Freude. Schön, wie hier Worte wie “Terror”, “Folter”, “Blut” und “Tyrannen”, die man sonst vielleicht nur noch als Hintergrundrauschen im allgemeinen Nachrichten-Geblubber wahrnimmt, in neue Zusammenhänge gesetzt werden – einen von mir eingebrachten “dunklen Märchencharakter” der Platte stritt Dirk aber kategorisch ab. “Auf ‘Pure Vernunft darf niemals siegen’, ja, da hatten wir so eine dunkle Märchenstimmung”.

Überhaupt: Wer behauptet, die Band habe seit ihren Anfangsjahren an “Slogan-haftigkeit” verloren, irrt: Gerade in letzter Zeit sind Songtitel wie “Aber hier leben, nein danke”, “Die Folter endet nie”, “Sag alles ab” oder eben “Macht es nicht selbst” und “Pure Vernunft darf niemals siegen” doch absolut griffig und als Parolen absolut T-Shirt-bedruck-tauglich. Meines Erachtens schließt sich mit “Schall & Wahn” nun vollends ein Kreis, in dem ganz alte und ganz neue Songs eine ganz eigenartig harmonische Beziehung miteinander führen.

Denn auch vage und verrätselt waren die Tocos doch schon immer: Was ist denn “Dieses Jahr” passiert, dass es dir länger vorkommt als zwölf Monate? Was war denn “Letztes Jahr im Sommer” besser als jetzt? Ist das Leben denn wirklich so scheiße, dass ausgerechnet dies “Der schönste Tag in meinem Leben ist” ist? Tocotronic-Songs kreisten doch schon immer um eine mysteriöse Leerstelle, um ein schwarzes Loch, ein Geheimnis, gaben Rätsel auf. Was ist denn schiefgegangen, dass alles, was du dir für “Deine Party” vorgenommen hast, nicht geklappt hat? Ein meisterlicher Song wie jener war doch auch damals schon ein einziges großes Fragezeichen, bei dem der Hörer, vor lauter “Ich hätte, hätte, hätte …”-Formulierungen des Sängers die ganze Zeit eine Antwort erwartet, die er nie bekommt.

Und auch ein altes Lied wie “Gehen die Leute” von der “Es ist egal, aber”-Platte konnte man doch schon seinerzeit nicht 1:1 und Wort für Wort für bare Münze nehmen. Da sang doch entweder jemand aus der Perspektive eines Menschen, der nicht alle Tassen im Schrank hatte, oder man wollte als Band schon damals diese nervige Protest-Position parodieren, die Tocotronic aufgedrückt bekommen hatten … – indem man nun vehement irgendetwas kritisierte, wo eigentlich gar nix zu kritisieren war. Ist jedenfalls meine Meinung.

Egal: So wie der einzige andere Song, der mir einfällt, in dem neben Tocotronics neuem “Bitte oszillieren Sie” das Wort “Oszillieren” vorkommt, “Oscillate Wildly” (Oscar-Wilde-Anspielung, ne) von den Smiths ist, so spielt Rollenspieler Dirk als selbsternannter “Graf von Monte Schizo” eben auch mit literarischen oder (pop)kulturellen Vorbildern und Trivialitäten, stellt halbantike Worte wie “Chimären” und “Moloch” neben Filmtitel wie “Flammendes Inferno”, “Sag niemals nie” oder “Lohn der Angst” und verwendet Zitate und Fragmente vor allem als unerschöpfliches Rohmaterial und frei formbaren Baustoff, um (ja, womöglich wie die Smiths) immer neue dunkel funkelnde Texte in endlosen Assoziationsketten zu zimmern.

Wenn er in “Stürmt das Schloss”, einem Lied über die niederzurreißende Verbarrikadierung der abgeschotteten “Festung Europa”, immer wieder laut die Anfangsbuchstaben des Songs – “SDS, SDS, SDS!” – skandiert, dann ist das eben nicht so sehr eine Anspielung auf “DSDS” (Dirk selber wurde diese Verbindung erst viel später bewusst, so dass er schließlich doch noch das Wort “Superstars” in den Text einbaute, “um die Verwirrung noch zu vervollständigen”), sondern vor allem auf den “Sozialistischen Demokratischen Studentenbund”. Politisches trifft Privates trifft Pop.

Wenn Dirk also seine Stimme in Falsett-ige Höhen treibt oder in emotionale Tiefen und Abgründe, und dem Hörer mitunter flüsternd ganz nahe und ran an die Grenze zum Kitsch kommt (“Klar, das muss auch mal ‘campy’ sein!”), dann erinnert das vielleicht an englische Bands wie eben genannte, sucht in den trockenen Gefilden bundesdeutscher Rockmusik, also im Land von Grönemeyer, Pur und Westernhagen bis hin zu Madsen, Tomte und Kettcar, in dem die Stimme des Sängers meist möglichst rau, ehrlich, männlich und “echt” rüberkommt, tatsächlich seinesgleichen.
Dirk: “Wir waren schon immer viel femininer als andere deutsche Bands!”

Wir sehen uns im März im FZW!

Foto: Sabine Reitmeier

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